Die kurze Geschichte meiner Fliegerjacke

In den letzten sechs Jahren, sprich seitdem ich gebrauchte Kleidung trage, ist es mir noch nie passiert, dass ich einen Hinweis auf den vorherigen Besitzer meiner Klamotten erhalten habe, außer ich habe sie direkt bei ihm gekauft. Es ist nie passiert bis ich diese Lederjacke fand.

Die Frage nach dem Vorbesitzer und die Phantasien, die sich darum spinnen lassen, machen für mich einen besonderen Reiz bei Vintage Mode aus. Für viele Menschen bildet diese Frage jedoch eher das Hauptargument, warum sie sich von gebrauchter Kleidung abgestoßen fühlen. Wer weiß, wer sie getragen, darin geschwitzt und sie womöglich niemals gewaschen hat. So lauten die kritischen, von leichtem Ekel begleiteten Fragen.

Dass Kleidung aus zweiter Hand gut erhalten und demnach gepflegt sein muss, damit sie sich nochmal verkaufen lässt kommt diesen Leuten ebenso wenig in den Sinn wie die Tatsache, dass die meisten Menschen eine nicht zu unterschätzende Menge Kleidung im Schrank haben, die schlichtweg nie oder nur selten getragen wird und dass ein großer Teil der Vintage Ware wahrscheinlich aus solchen Teilen besteht.

Für alle die denken, gebrauchte Kleidung stamme primär von stinkenden, schwitzenden Obdachlosen, hier die kurze Geschichte meiner neuen Lederjacke (die eigentlich garnicht mir sondern meinem Freund gehört, denn ich habe sie ihm geschenkt. Ich behaupte der Einfachheit halber nur die ganze Zeit, dass sie meine sei):

Bevor sie kurze Zeit in den Krefelder Bahnhofsgemäuern verbrachte, wo die Caritas ihre Kleiderkammer hat, gehörte diese kuschelige, stylische, zeitlose, rebellische Fliegerjacke einem Anwalt. Einem hoch gewachsenen Mann mit dunklen Haaren und einer großen Stirn. Er brachte sie mit Sicherheit zur Reinigung bevor er sie der Kleiderkammer spendete. Denn als mir die Jacke an einem trüben Freitag Nachmittag kurz vor Ladenschluss in die Hände fiel, roch sie weder nach Mensch, noch nach Dachboden, noch nach Waschpulver. Sie war komplett geruchsneutral und gleichzeitig frei von Flecken.

Mein Lederjacken-Sammler-Herz schlägt immer Purzelbäume wenn ich solche wahnsinnig gut erhaltenen, hochqualitativen Klassiker zu den üblichen Second Hand Preisen finde. Zuhause angekommen probierte ich die Jacke noch einmal an und zog einen mit einem Namen beschriebenen Zettel aus der Jackentasche heraus, den ich natürlich sofort gegoogelt habe.

In diesem Fall ist das Mysterium des Vobesitzers gelöst. Ich fange an zu träumen. Ich sehe die Fliegerjacke in edlen und modernen Häusern ein- und ausgehen. Ich stelle mir die Erleichterung des großen Mannes vor, wenn er sie endlich mal tragen und den Anzug im Schrank lassen kann. Dann sehe ich mich, wie ich sie mit einer zerrissenen Strumpfhose kombiniere und froh bin, dass mich ihr massives Material vor der Kälte schützt. Er ist genau das Gegenteil von mir, denn ich bin klein, zierlich und weiblich. Aber wir haben uns in die gleiche Jacke verliebt. Er muss sie geliebt haben, dass sagen mir die Falten auf dem Leder, die nur durch stetes Tragen entstehen können und die ihr ihren Charm verleihen.

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