„Im Rahmen“: Irini Mavromatidou stellt aus

Um den allsonnabendlichen Streifzug durch die Nacht einzuleiten, lohnt sich heute ein Besuch im Lokomov, auf der Augustusburgerstraße 102 in Chemnitz. Irini Mavromatidou lädt zur Vernissage ihrer Ausstellung „Im Rahmen“, auf der ihre aktuellen Arbeiten zu sehen sein werden. Die Künstlerin in bester Laune, auf einer ihr gewidmeten Veranstaltung: Ein Phänomen, das ich nur ans Herz legen kann. Doch was ist die Idee der Ausstellung? Und wer ist die Künstlerin, die sich dahinter verbirgt?

„Hallo meine liebe Maria“, hör ich eine verschlafene Irini am Telefon sagen. Es ist Donnerstag um 15.30 Uhr – mein Anruf hat sie geweckt. „Wie geht es dir? Komm, ich mach uns einen Kaffee, dann fange ich an zu arbeiten.“ Sie fertigt gerade die Werke für ihre erste Einzelausstellung an, die bald beginnt. Dutzende von kleinen, ovalen Bildern, auf jedem einzelnen ist in liebevoller Kleinarbeit ein Rahmen gezeichnet. Innerhalb des Rahmens sind verschiedene Personen abgebildet. Mal starr oder in sich gekehrt, dann in flüchtigen Momenten. Etwa beim Vorbeilaufen oder im Gespräch.

Die Künstlerin wohnt von meiner Wohnung aus nur ein paar Meter die Straße hinauf, trotzdem werfe ich eine schicke Jacke über als ich zu ihr gehe. Wenn nicht für sie, die mich unaufhörlich inspiriert, für wen dann? In der Bude herrscht Chaos als ich hereinkomme. Man merkt, hier wird gearbeitet. Irini legt Nachtschichten ein. In der Nacht hat sie Ruhe – keine Anrufe, niemand der Kaffee trinken will. „Ich lasse mich sehr gern ablenken. Sehr gern. Auch wenn ich es nicht mag, ich brauche diese Quälerei.“ Sie hat so viel Besuch, dass sie ihre Wohnung einmal absichtlich verwüstete, damit sich keiner mehr dort wohl fühlt, die Leute schneller wieder gehen und sie arbeiten kann. Das hat natürlich nicht funktioniert. Denn so wie ihre Freunde, trinkt auch sie eigentlich gern Kaffee aus schicken Tassen, in ihrem Wohnatelier auf dem Chemnitzer Sonnenberg.

Dort wohnt Mavromatidou seit etwas über einem Jahr. In Chemnitz ist sie eher zufällig gelandet. Im Frühsommer 2014 hatte sie eine Ausstellung in Leipzig in der Halle 14, auf welcher ein Konflikt mit Ihrem Ex-Freund ausbrach. Irini kam an diesem Abend bei Anatoli Budjko, einem befreundeten Künstler in Chemnitz unter. Sie schlief jedoch nicht in Budjkos Bude, sondern in einer anderen, von Mandy Knospe – ihrer heutigen Galeristin – eingerichteten Wohnung, die eigens für Künstler zur Verfügung steht, welche in Chemnitz zu Besuch sind. Die Zeit verging, Irini blieb. Sie arbeitete in einem vorm Abriss geretteten Gebäude, in dem sich mitunter Ateliers, Proberäume, der Chaos-Computer-Club und das Lokomov befinden. Der Sommer 2014 verstrich und Irini entschied sich, ganz nach Chemnitz zu ziehen. „Die erste Zeit in Chemnitz war genial! Ich war wirklich begeistert. Vor allem weil das Lokomov existierte, was ich unter der Woche als Atelier benutzen durfte. Durch die großen Fenster konnte ich bei der Arbeit die Leute beobachten, die vorbeiliefen oder draußen saßen. Immer kam irgendjemand rein. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich im Herzen von Chemnitz. Das war eine geile Zeit.“

„Ich bin Voyeuristin aber auf eine normale und gesunde Art und Weise. Ich glaube, wenn ich Menschen beobachte, suche ich Tiefe. Ich möchte auch, dass die Figuren auf meinen Portraits Tiefe haben.“

Irini beobachtet ihr Umfeld ganz genau, manchmal fixiert sie jemanden mit ihrem Blick so eindringlich, dass man meinen könnte, sie schaue direkt durch die Person hindurch. Menschen liefern ihr den Stoff für ihre Kunst. Schwierige Menschen beispielsweise, Sonderlinge oder besonders stille Personen inspirieren sie. „Ich bin Voyeuristin aber auf eine normale und gesunde Art und Weise. Ich glaube, wenn ich Menschen beobachte, suche ich Tiefe. Ich möchte auch, dass die Figuren auf meinen Portraits Tiefe haben.“ Die Diskrepanz zwischen Tiefe und Oberfläche ist gleichzeitig der Kern der aktuellen Ausstellung. Es dreht sich um das Innen und Außen des Individuums, das immer durch den situativen Kontext, durch den Rahmen bestimmt ist, innerhalb dessen es denkt oder handelt. Deswegen heißt die Ausstellung „Im Rahmen“.

Irini bereitet meinen Kaffee zu. Sie malt ihn in aller Ruhe mit einer alten Kaffeemühle, die beim Kreisen leise Töne abgibt. Dabei schaut sie mich an und lächelt, als sei sie sich dieses Vorganges sehr bewusst. Sie genießt das Malen der Kaffeebohnen. Heute darf ich einen Blick auf die fertigen Arbeiten werfen. Sie liegen gestapelt auf dem massiven, mit Farbe bekleckerten Arbeitstisch in ihrer Küche und rundherum auf kleinen Beistelltischen. Bei der Schaffung ihrer Bilder bedient sich Irini verschiedener Methoden: „Sie zerschnibbelt, sie schichtet, macht etwas weg, etwas neues dazu, verändert, zerreißt, zerknüppelt und arbeitet immer weiter, bis der Punkt kommt, der ‚fertig‘ heißt. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Bild wirklich fertig sein muss, denn es kann sein, dass sie es nach ein paar Monaten wieder herauskramt und weiterbearbeitet“, so Anatoli Budjko, dessen Druckwerkstatt Mavromatidou mitbenutzt.

Der Punkt an dem Irini sich entscheidet ein Werk als fertig zu betiteln ist erst dann erreicht, wenn sie es als harmonisch empfindet. Um mir das zu veranschaulichen, zieht sie das Bild heran, das auf dem Flyer der Ausstellung abgebildet ist. „Durch die Masse der Portraits entwickelt sich eine Melodie.“, sagt sie. „Die Melodie entsteht durch die Komposition, die Anordnung der weißen und schwarzen Flächen. Das Endprodukt plane ich jedoch nicht. Es entsteht aus Gefühlen, aus dem Bauch heraus.“

Irini Mavromatidous Vernissage beginnt am heutigen Samstag um 19.00 Uhr in der Gallerie Hinten, die sich im Lokomov befindet. Danach gibt es Musik von Katrin Strunz & Florian Rosier, im Anschluss spielen Psycho und Plastik.

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