Streetart und urbane Transformation: Das Projekt „Le M.U.R.“ in Mulhouse

Mitten im Zentrum von Mulhouse  gibt es eine unscheinbare Seitenstraße, die von der zentralen Einkaufsstraße abgeht. Hier gibt es ein nettes Lokal, dass für sein Weinangebot bekannt ist. Aber das nur am Rande. Was ich eigentlich schreiben wollte ist: Hier gibt es eine Mauer, auf der jeden Monat ein neues Streetart-Gemälde entsteht. Dabei handelt es sich um ein Projekt namens „Le M.U.R.“. Der Verein Epistrophe, der das ganze in die Wege leitet, besteht aus einer kleinen Gruppe kunstvernarrter Menschen, die schon Inti und Borondo nach Mulhouse geholt haben, einen Teil der Crème der la Crème der globalen Streetartszene also.

Die Organisatoren sitzen in jeder Entstehungsphase eines Werkes vor einem leer stehenden Restaurant gegenüber der Mauer und schauen dem Meister bei der Arbeit zu. Wie es also der Zufall wollte bin ich der Gruppe in die Arme gelaufen, während der nicht weniger bekannte Streetartist Dome ein Masterpiece auf die Wand brachte.

Sébastien Litique, Nicola Lecuy und Gaëtan Creste bilden das Kollektiv, welches einmal monatlich einen Streetart Künstler einlädt. Während die Wand sich in neue Motive kleidet, hocken sie mitten im Zentrum der Stadt und genießen deshalb nicht nur die Live-Entstehung von Kunstwerken, sondern auch die Gesellschaft von Freunden und Bekannten, die im Laufe des Tages vorbeischauen und mal für eine Kippenlänge, mal für einen ganzen Nachmittag bleiben.

Von der Mauer sollen jedoch nicht nur die Organisatoren profitieren, wie Sébastien, der Vereinsvorsitzende, erklärt: „Wie lieben unsere Stadt. Deswegen haben wir Lust, einen Teil zu ihrer Entwicklung beizutragen. Auch einen Teil zu der Entwicklung der Menschen in der Stadt beizutragen und gleichzeitig dabei Spaß zu haben“. Indem Epistrophe mit dem Projekt Streetart fördert und in Mulhouse etabliert, verfolgt der Verein also mitunter klare pädagogische Ziele. Es drehe sich unter Anderem darum, bei den Menschen das Interesse an der Kunst zu erwecken. Gaëtan, der sich primär um die Künstlerbetreuung kümmert, ist sich sicher, dass Streetart dafür besonders prädestiniert ist:

„ein Museum ist etwas Geschlossenes. Du kannst dir aussuchen, ob du hineingehst und es dir anschaust, für einige musst du zahlen, für andere nicht…aber vielleicht bist du lieber draußen im Park mit deinen Kindern. Sollte dir die Kunst deswegen verwehrt bleiben? Kunst ist etwas öffentliches, deswegen sollte es mehr draußen stattfinden. Außerdem gibt Streetart dir die Möglichkeit, die Dinge anders zu sehen. Eine Bank könnte etwas anderes als eine Bank sein, ein Mülleimer etwas anderes als ein Mülleimer, er könnte Teil eines Spiels sein, oder eben Kunst. Du könntest deine Stadt von einer ganz anderen Perspektive entdecken, wenn du beispielsweise den Spuren eines Sprayers folgst. Bei „Le M.U.R“ haben wir eine bestimmte Wand, die jeden Monat neu bemalt wird. Es gibt also einen Termin, einen Treffpunkt und einen Anlass, sich über Kunst zu unterhalten.“

Die Schaffung des Dialogs über zeitgenössische Kunst und die Teilhabe am Entwicklungsprozess der Stadt waren auch der Anstoß für zahlreiche andere Projekte, die Epistrophe in Mulhouse schon umgesetzt hat. So gab es etwa eine Veranstaltungsreihe in verschiedenen Parks, das „Cafe des Minos“, wo es um die gemeinsamen künstlerischen Aktivitäten zwischen Eltern und ihren Kindern ging. Es gab open-Mic reihen, open-air-Kino-Reihen mit anschließendem Themenabend zum Film.

Die bisher größte Veranstaltung ist jedoch mit Abstand das Festival des Bozar – ein jährlich stattfindendes Graffiti-Festival, das Epistrophe vor vier Jahren initiiert hat. „Mit dem ‚Festival des Bozar‘ wollten wir zeigen, das Graffiti kein Wandalismus ist, sondern auch eine Form von Kunst.“, so Sébastien. Mit der Aufklärungsarbeit begannen sie bei der Stadtverwaltung: „Wir gingen zur Stadt und sagten den Verantwortlichen: ,hey, es gibt hier unzählige Wandgemälde, wieso ist keine moderne Kunst darunter? Wieso gibt es keine Streetart in Mulhouse und wieso werden Sprayer als Wandalisten bezeichnet?‘ “, so Gaëtan weiter.

Das Festival soll von vorn herein ein Erfolg gewesen sein: „Die Leute kamen zu abertausenden, es war der Wahnsinn! Mit so einem Ansturm hatten wir nicht gerechnet.“ Mittlerweile ist die Organisation des „Bozar“ an ein loses kollektiv übergeben worden, unter welchem es in diesem Jahr, mit 70 Künstlern aus sieben europäischen Ländern, zum größten Streetart-Festival Frankreichs avanciert ist. Epistrophe wollte sich derweil auch der Etablierung anderer Techniken der Streetart in Mulhouse widmen. Durch dieses Begehren ist vor zwei Jahren die Idee zu „Le M.U.R.“ entstanden, wobei es ein solches Projekt schon in Paris auf der Rue Oberkampf gab, welches dem Kollektiv als Vorbild diente.

Die Künstler, welche die Wand anmalen, finden die drei meistens im Internet. „Wir kontaktieren einfach die Leute, die uns gefallen, die wir interessant finden“, erklärt Sébastien, „unser Ziel ist möglichst viele verschiedene Techniken der urbanen Kunst auf die Mauer zu bringen.“ Das Projekt wird von der Stadt unterstützt, so, dass die Reise und die Materialkosten der Künstler gedeckt werden können. Dabei seien internationale Künstler einfacher im Sommer zu kriegen, da sie aufgrund der Festivalsaison vielleicht ohnehin in Europa unterwegs seien.
Dem Kollektiv ist es jedoch wichtig, dass auf der Mauer nicht nur internationale Künstler Werke schaffen, „es dreht sich darum die Künstler und die Menschen zusammenzubringen, einen öffentlichen Dialog zu schaffen, deswegen sind uns lokale Künstler auch genauso wichtig wie internationale“, so Gaëtan.

Auf die Frage, welches Werk ihm am besten gefällt, weiß er mir keine rechte Antwort zu geben. „Sie gefallen mir alle“, sagt er und fährt fort: „Einige Künstler kamen ohne Plan, ohne zu wissen, was sie malen wollen. Sie kamen einfach und verbrachten hier erst einmal ein paar Nächte. Sahen sich die Stadt an, die Leute. Und während wir uns mit ihnen Unterhielten, vielleicht in einer Bar bei einem Bier, oder zuhause bei einem Joint, oder auch nur bei einem Glas Wasser, hatten sie plötzlich einen Einfall. Einige fingen dann sofort an zu skizzieren und skizzierten vielleicht die ganze Nacht lang.“

Durch das Projekt trägt der Verein also nicht nur zur kulturellen Entwicklung von Mulhouse bei, Sébastien, Nicolas und Gaëtan lernen die Künstler kennen, die sie faszinieren, sie verbringen ein paar schöne Tage mit ihnen und am Ende steht ein neues Werk auf der rue de la Moselle. Alleine deswegen lohne das Projekt sich schon, wie Sébastien erzählt, es gibt für ihn allerdings noch etwas andres: „Wenn Passanten anhalten, um sich die Mauer anzuschauen, das macht mich wirklich glücklich.“

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